Klassenporträts

Klassismus und Wissenschaft

Riccardo Altieri und Bernd Hüttner versammeln in ihrem Band „Klassismus und Wissenschaft“ Erfahrungsberichte und Bewältigungsstrategien, es sind autobiografische und auch analytische Texte, die sehr eindringlich klassistische Diskriminierung und Unterdrückung im Hochschulbetrieb sichtbar machen und auch Lösungsansätze bieten.

Euch beide verbindet „die Kritik an den herrschenden Mechanismen des im weitesten Sinne akademischen Betriebs“, schreibt ihr in der Einleitung. Wie elitär und ausschließend ist der Wissenschaftsbetrieb eurer eigenen Erfahrung nach?

Uns verbindet sogar noch mehr das relative (Bernd) bis absolute (Riccardo) Unverständnis unseres familiären Umfeldes für unsere intellektuellen Interessen, Tätigkeiten (und ja, auch die Erfolge).

Bernd: Ich erlebte noch die Massen- und Reformuniversität der 1980er, die ja noch vom Geist der 1970er geprägt war. Ich habe also auch positive Erinnerungen an meine Uni-Zeit. Dünkel und Privilegienblindheit erlebe ich eher in meinem privaten Umfeld, was die Sache für mich derzeit ja nicht besser macht.

Riccardo: Im Grunde ist nach der „Öffnung der Hochschulen“ spätestens seit den frühen 1980ern auch wieder eine Schließung spürbar geworden, die rund 40 Jahre später ihre Auswirkungen zeigt. In bestimmten und eher konservativ geprägten Fachrichtungen sind heute die Kinder aus akademischen Haushalten am Zug und halten alle anderen davon ab, das eigene Können zeigen zu können. Der hierin mitschwingende Anspruch, Chancen durch Fleiß und viel Arbeit erhalten zu können, ist eine falsche, neoliberale Meistererzählung, die insbesondere unter Nicht-Akademiker*innen leider stark verbreitet ist.

Die Beiträge im Band sind großteils persönliche Geschichten. Wo liegt eurer Ansicht nach die Stärke von biografischen Erzählungen?

Biografische Erzählungen bieten für die Leser*innen mehr Anknüpfungspunkte zu ihrem eigenen Erleben als die 67. akademische Interpretation des Bourdieu’schen Habitus-Begriffes. Wir wollten mit unserem Buch die Autor*innen wie auch die vielen Leser*innen empowern, ihnen eine Stimme geben (ohne paternalistisch sein zu wollen) und sie ermutigen ihre Stimme zu erheben und sich mit anderen zusammen zu tun. Selbstverständlich um – in the long run – Kapitalismus und Patriarchat abzuschaffen.

Wie sind bisher die Reaktionen auf euer Buch? Welche Diskussionen hofft ihr in Gang zu setzen?

Die Resonanz ist bisher sehr positiv und der Verkauf überraschend gut. Beides freut uns sehr. Wir wollten mit dem Buch die vielen Betroffenen und Diskriminierten zu Wort kommen lassen und so auch signalisieren: „Du bist nicht allein“. Klassismus produziert Scham und Entfremdung. Diese sehr mächtigen Gefühle bringen Menschen zum Verstummen, sie sind aber nicht persönliche Schuld oder gar: Versagen; sondern das Ergebnis diskriminierender und abwertender gesellschaftlicher Strukturen. Dies zu erkennen kann für den und die Einzelne entlastend sein.

Ein großes Problem der Klassismus-Debatte ist es eine alternative, nicht-klassistische Spache zu verwenden [1], hier lernen auch wir noch jeden Tag dazu.

Wo kann das Buch gekauft und mit euch in Kontakt getreten werden?

Das Buch ist in jedem Buchladen bestellbar oder direkt hier über die Website des Verlages. Kontakt zu uns gibt es über die Websites www.bernd-huettner.de bzw. https://riccardoaltieri.academia.edu/contact.

Riccardo Altieri und Bernd Hüttner haben im Sommer 2020 das Buch „Klassismus und Wissenschaft. Erfahrungsberichte und Bewältigungsstrategien“ im BdWi-Verlag in Marburg herausgegeben.

Riccardo ist Arbeiterkind und lebt in Potsdam. Nach dem Studium promovierte er im Fach Geschichte und ist nun auf Jobsuche. Seine Interessen liegen neben der Klassismusforschung vor allem in der Geschichte der Arbeiterbewegung und der des Judentums.
Bernd ist 1966 geboren und auf einem Bauernhof aufgewachsen. Frühzeitiges Interesse für Lesen und später dann: Politik. Nach dementsprechendem Studium 1987-1994 dann arbeitslos, Hausmann und engagierter Vater. Seit 2004 Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung, ab 2012 als deren Referent für Zeitgeschichte. Schreibt seit 1989


[1] https://twitter.com/class_rosa/status/1318072277020409858?s=20